Mehr Energie vom Feld

Das Interesse am Anbau schnellwachsender Gehölze wächst. Einige Kurzumtriebsplantagen sind unter anderem im Landkreis Spree-Neiße zu besichtigen. Aber es gibt, wie der 7. Brandenburger Energieholztag in Bloischdorf erkennen ließ, auch immer noch ernsthafte Vorbehalte.
Am 25. August 2011 sind alle Plätze in der weithin bekannten Museumsscheune Bloischdorf besetzt. Hier findet traditionell der Brandenburger Energieholztag statt. Wie Klaus Schwarz und Helmut Bronk vom Landschaftspflegeverband Spree-Neiße, die Ausrichter dieser mittlerweile 7. Veranstaltung, freut sich auch Sabine Blossey vom Ministerium für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz über das offensichtlich große Interesse, das der Anbau schnellwüchsiger Baumarten auf dem Acker- oder Grünland bei den Landwirten findet. Bei der Begrüßung der Tagungsteilnehmer macht sie auf deutliche Fortschritte im Energieholzanbau aufmerksam. Nach ihren Worten nahmen Kurzumtriebsplantagen (KUP) Ende 2010 in Brandenburg rund 1 250 ha ein. Für weitere 370 ha lagen Anträge vor. Damit steht dieses Bundesland, gefolgt von Bayern und Niedersachsen, in Deutschland an der Spitze.
Dennoch sind entsprechend der Brandenburger Energiestrategie 2020 laut Blossey weitere Anstrengungen erforderlich. Forschungsergebnisse der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberwalde hätten gezeigt, dass schnellwachsende Hölzer besonders auf den nährstoffärmeren Standorten Brandenburgs gegenüber einjährigen landwirtschaftlichen Kulturen konkurrenzfähig beziehungsweise sogar ökonomisch überlegen sein können. Dieses Potenzial gilt es laut Blossey sowohl in wirtschaftlicher Hinsicht (zweites Standbein für landwirtschaftliche Unternehmen) als auch aus ökologischen Gründen (Klima- und Bodenschutz, Biodiversität, Landschaftsbild) im Blick zu behalten. Nach realistischen Schätzungen sollte der Anbau von Energieholz bis 2020 auf etwa 10 000 ha erweitert werden, wobei im Sinne der Rentabilität ein durchschnittlicher jährlicher Hektarertrag von 10 t atro notwendig sei.

Verfahren verfeinern
Solch ein Ertragsniveau ist, daraus machte Dietmar Kalz, Geschäftsführer der gastgebenden LTS GmbH Groß Luja, keinen Hehl, unter den aktuellen technologischen Bedingungen nur schwer zu erreichen. Nach seiner Ansicht muss das Anbauverfahren, angefangen von der standortgerechten Arten- und Sortenwahl über die Pflanzung, Düngung, Pflege und Gesunderhaltung bis hin zur Ernte, Lagerung, Trocknung und Verwertung weiter verbessert werden. Am Beispiel seiner Erfahrungen, die er mit den in der Agrarland GmbH Felixsee 2005 in einem Modellprojekt auf mehreren Ackerflächen (insgesamt rund 30 ha) etablierten Pappel-, Weiden- und Robinienbeständen bisher gesammelt hat, veranschaulichte er einige Schwachstellen. Zum Beispiel vertrockneten auf einem Feld die Jungpflanzen. Auf einem anderen machte starker Wildverbiss dem Aufwuchs arg zu schaffen. Probleme gibt es bei der Unkraut-, Schädlings- und Krankheitsbekämpfung. Bei der ersten Ernte im Frühjahr 2011 wurden verschiedene Maschinen mit meist nur eingeschränktem Erfolg eingesetzt. Welche Technik bei der nächsten Ernte zum Zuge kommt, ist noch nicht klar.
Kalz hält dennoch den Energieholzanbau auf marginalen Standorten für sinnvoll. Er empfiehlt, von Anbeginn die Hilfe seriöser Fachberater, der Landschaftspflege-verbände und anderer Akteure in Anspruch zu nehmen sowie den Erfahrungs-austausch zu suchen.

Gefördertes Projekt
Wie die Zusammenarbeit der Akteure organisiert und auf das Heizen mit Holz konzentriert werden kann, zeigt das Projekt „Märkisch-Oderland geht den Holzweg“. Mit diesem Konzept beteiligten sich der Landkreis und das Netzwerk BIOFestbrennstoff MOL e. V. an einem bundesweiten Wettbewerb. Der Erfolg, zu den 25 in Deutschland geförderten Bioenergie-Regionen zu gehören, gab allen Beteiligten Auftrieb. Heiner Grienitz, Projektleiter im Energiebüro MOL bei der STIC Wirtschaftsfördergesellschaft MOL GmbH, erklärte, dass im Netzwerk die eigentlichen Akteure – Planer, Energieberater, Land- und Forstwirte, Wissenschaftler, Installateure und Holzheizungshersteller – zusammenwirken. Die Arbeit verläuft nach seinen Worten seit dem Start am 1. Juni 2009 auf drei Schienen: öffentliches Engagement für das Heizen mit Holz (Internetseite www.holzweg-mol.de, mehrstufige Beratungsprogramme), Vernetzen der Akteure zusammen mit der Organisation der regionalen Wertschöpfung und enger Kontakt zu wissenschaftlichen Einrichtungen.
Grienitz nannte anspruchsvolle Ziele. So sollen durch die Installation von mindestens 1 000 modernen Stückholz-, Hackschnitzel- und Pelletheizungen ab 2012 jährlich rund 35 000 t CO2 eingespart werden. Der Einsatz von Energieholz soll dazu mittelfristig auf 140 000 fm pro Jahr gesteigert werden. Im Mittelpunkt steht Regionalität sowohl beim Holzeinsatz als auch bei der Wertschöpfung. Die intensiven Bemühungen, Landwirte für den Anbau von Energieholz zu gewinnen, stoßen laut Grienitz meist auf Vorbehalte wie zu hohe Investitionen in der Startphase, unsichere Preise, fehlende Pflanz- und Erntetechnik in der Region. Wenn das Land oder der Bund die Bioenergiesparte fördern will, die aus ökologischer Sicht am günstigsten ist und auch die geringsten CO2-Vermeidungskosten besitzt, muss das nach Ansicht von Heiner Grienitz zumindest in der Anfangsphase gefördert werden.

Mutterquartier angelegt
Für den Anbau von Energieholz im Kurzumtrieb plädierte auch Dr. Frank Brune aus Zempow, einem Ortsteil der Stadt Wittstock/Dosse. 1996 begann sein Betrieb, in der strukturschwachen Region Energiepotenziale aus heimischen Wäldern zu erschließen. Er gewinnt Hackschnitzel vor allem aus der Jungbestandspflege und aus dem Kronenrestholz und beliefert Heizkraftwerke, kommunale und private Abnehmer. Zu seinen Dienstleistungen für Waldbesitzer gehören die Jungbestandspflege und die Flächenräumung mit modernen Maschinen.
Da im weiteren Umfeld von Zempow mittlerweile Landwirte gewillt sind, besonders auf kleinen, zum Teil abgelegen Flächen schnellwüchsige Gehölze ins Feld zu stellen, hat der Betrieb Energieholz Brune 2010 ein staatlich zertifiziertes Mutterquartier angelegt. Auf rund 30 ha werden aus leistungsfähigen Pappelpflanzen Stecklinge und Setzruten über vegetative Vermehrung produziert. Dr. Brune hob hervor, dass sich unter den an seinem Standort vorherrschenden Bedingungen die anspruchslosen Pappeln und deren Hybride im Vergleich als vorteilhaft erwiesen haben. Die Gefahr des Wildverbisses sei im Unterschied zur Weide von vornherein gering. Beim Anlegen von KUP werde der Betrieb vor Ort Fachrat geben und bei Bedarf mit Spezial-maschinen helfen. Dr. Brunes Zukunftsstrategie sieht den Aufbau eines Netzwerks von KUP zur dezentralen Energieversorgung vor. Die bewährte Waldhackschnitzelkette soll auf das KUP‐Holz übertragen sowie ein Wärme‐Contracting mit KUP‐Holz eingerichtet werden.


Über 10 t atro Holz/ha
Prof. Dr. Dieter Murach von der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde maß der Agrarholzproduktion in Brandenburg eine zunehmende Bedeutung bei, weil sich viele landwirtschaftliche Standorte, vornehmlich die Sandböden, gut dafür eignen. Auf zirka 10 % des Ackerlandes im Brandenburgischen ließe sich theoretisch mehr als 1 Mio. t absolut trockenes (atro) Holz erzeugen. In Versuchen schnitten Pappeln und Weiden etwa gleich gut ab. Sehr wichtig für den erfolgreichen Aufwuchs sei die rechtzeitige Bekämpfung der Konkurrenzvegetation. Der Wissenschaftler machte auf das gute Regenerationsvermögen der Schnellwüchsigen nach Stress und auf deren
Überstautoleranz aufmerksam. Er bezeichnete Erträge von über 10 t atro/ha ohne Grundwasser als realistisch. Bei Grundwasseranschluss seien Erträge von über 15 t/ha wahrscheinlich.
Prof. Murach legte dar, dass die Praxis trotz arger Versäumnisse in der Züchtung auf Pappel- und Weidenklone zurückgreifen kann, die sich schon Jahrzehnte in der Ertragsleistung bewährt haben. Wenn man sich aber die Mehrerträge durch Züchtung bei den annuellen landwirtschaftlichen Pflanzen vergegenwärtige, könne man bei den schnellwachsenden Baumarten noch ein beträchtliches Ertragssteigerungspotenzial erwarten. Bei den Anbaumethoden gebe es eine Wissensbasis, die die Praxis mit fundierten Kenntnissen hinsichtlich Bodenvorbereitung, Pflanzmaterial, Pflanzverbände, Pflanztechnik, Pflege, Umtriebszeiten und Erntetechnik versorgen kann. In naher Zukunft seien Aufgaben wie die Optimierung der Pflanz- und Erntetechnik für Pappeln, der gezielte Herbizideinsatz, die Applikation von Bodenzusatzstoffen (Biokohle oder Mykorrhiza) auf degradierten Standorten sowie die effektive Lagerung und Logistik von Ruten oder Hackschnitzeln zu lösen.


Lückige Wissensbasis


Völlig unzureichend sei die bisherige Wissensbasis hinsichtlich der Beziehung von Standort und Sortenerträgen. Hier stelle das von der Fachagentur für nachwachsende Rohstoffe geförderte Forschungsvorhaben PROLOC einen ersten Ansatz dar. Dieser sei
aber dennoch unzureichend, um Landwirten fundierte Schätzungen zu Sortenerträgen auf ihren Standorten geben zu können. Bei der ökologischen Begleitforschung fehlen laut Prof. Murach weiterhin dringende Untersuchungen zum Landschaftswasserhaushalt, besonders auf Grundwasserstandorten. Die Hauptkritik am Agrarholzanbau fußt nämlich auf Befürchtungen, dass er die Sickerwasserrate verringern würde. Notwendig seien auch weitergehende Untersuchungen zum Kohlenstoffhaushalt und zur Bilanz klimarelevanter Gase beim Agrarholzanbau im Vergleich zu anderen landwirtschaftlichen Kulturen.
Die aktuelle Agrarholzforschung an der HNEE konzentriert sich, wie Prof. Murach ausführte, unter anderem darauf, den Gehölzanbau in der Land- und
Forstwirtschaft im Hinblick auf den Klimawandel zu optimieren und ein integriertes Landmanagement durch nachhaltige Wasser- und Stoffnutzung in Nordost-deutschland zu entwickeln. Beim PCK Schwedt werden Versuchs- und Demonstrationsflächen mit schnellwachsenden Baumarten im Kurzumtrieb angelegt, um die standortsbezogenen Ertragsleistungen verschiedener Gehölze zu untersuchen
sowie die Ökonomie von holz- und halmartigen Biomasseträgern zu ermitteln.


Agroforstsysteme
Nach Ansicht von Prof. Dr. Dirk Freese von der Brandenburgischen Technischen Hochschule Cottbus kann die Agroforstwirtschaft die Wettbewerbsfähigkeit der Land- und Forstwirtschaft verbessern. Der Anbau von Bäumen auf Ackerland helfe, die Bodenfruchtbarkeit zu erhöhen, Nährstoffauswaschungen zu verringern, dem Bodenabtrag durch Wind und Wasser vorzubeugen, hydrologische Kreisläufe zu regulieren, die biologische Vielfalt zu erweitern, das Landschaftsbild zu verbessern, die Treibhausgase zu begrenzen sowie Kohlenstoff zu binden. Der Wissenschaftler stellte wichtige Projekte vor. Zum Beispiel INKA BB, ein Innovationsnetzwerk für die Region Brandenburg Berlin. Im Vordergrund stehen Agroforstsysteme, die eine nachhaltige Land- und Wassernutzung bei anhaltender Trockenheit gestatten. Das Projekt ELKE zielt auf die Agroforstwirtschaft auf Ausgleichsflächen. Bei Agroholz und ANFOREK werden Grundlagen für Wirtschaftskooperationen erarbeitet.
Als wesentliche künftige Forschungsthemen nannte Prof. Freese:
Quantifizierung des Kohlenstoffkreislaufes bei unterschiedlichen Boden- und Baumarten, Pflanzdichten, Rotationszeiten und Fruchtfolgen;
Ermittlung effektiver Kombinationen aus Bäumen und landwirtschaftlichen Nutzpflanzen;
Analyse der Nährstoffkreisläufe und -verfügbarkeit;
Ermittlung der Wassernutzungseffizienz;
Erarbeitung von Modellen für die Ertragsermittlung in Agroforstsystemen.
Günther Schattenberg



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